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| Nicht zu Hause und doch nicht an der frischen Luft Wie
immer dem sei: von den Lipizzaner der Spanischen Reitschule bis zur Oper, vom Hotel Sacher
bis zur Konditorei Demel ist die Wirklichkeit, die der Legende nachkommt, ja geradezu
nacheifert, sind es die funktionierenden Legenden, die das Charakterbild Wiens
entscheidend mitbestimmen. Die weitaus komplizierteste dieser Legenden ist das Wiener
Kaffeehaus. Ein Journalist macht eine aufschlußreiche, gleichwohl geheimnisvolle Beobachtung:
"Immerzu gehen Leute ins Hawelka hinein, und keiner kommt wieder heraus. Was macht
der Hawelka eigentlich mit seinen Gästen?" Was ist ein Kaffeehausliterat? Ein Mensch, der Zeit hat, im Kaffeehaus darüber
nachzudenken, was die anderen draußen nicht erleben. Das berühmte Glas Wasser, das bei längerem Verweilen verdoppelt und verdreifacht
wird, stellt eine Höflichkeit dar, dem Gast zu bezeugen, daß im Wiener Cafè nicht die
Konsumation entscheidend ist, sondern die Anwesenheit. Den größten Posten im literarischen Budget des kaufenden Publikums beziffern bei
weitem nicht mehr die Bücher, sondern die Zeitungen. Jedes Kaffeehaus ist eine
Leihbibliothek, fast jeder größere Cafètier gibt bis zwei- bis dreihundert Gulden für
seine Zeitungen aus. Welcher Fürst gibt das für seine Bücher aus? Im Kaffeehaus sitzen Leute, die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen. Im Kaffeehaus sitzen Talente so dicht an einem Tisch, daß sie sich einander
gegenseitig an der Entfaltung hindern. Mancher strebsame junge Mann hierzulande, der für die Bildung seines Genius etwas tun
wollte, hat seine Laufbahn damit begonnen, daß er sich zunächst das geeignete Cafè
aussuchte. Seit 10 Jahren sitzen die zwei jeden Tag stundenlang, ganz allein im Kaffeehaus. Das
ist eine gute Ehe! Nein, das ist ein gutes Kaffeehaus. |
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Montag, 24. Dezember 2001